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Schon fast vergessen? Vor fünfzig Jahren: Windscale

Man vergisst so leicht — besonders wenn das durch eine Umbenennung erleichtert wird. Und so ist es mit dem ehemaligen Windscale, das durch die Umbenennung nach dem nahe gelegenen Ort Sellafield aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt wurde: Wer erinnert sich noch, dass dort der erste Großunfall des damals noch freudig begrüßten atomaren Zeitalters geschah?

Damals war es auch leichter, solche Katastrophen zu verheimlichen, gab es doch kaum Stationen und Apparaturen zum Messen der ausgetretenen Radioaktivität - anders als knapp dreißig Jahre danach, als der Atomausbruch in Tschernobyl erst durch die Messeinrichtungen in Skandinavien, dann in ganz Europa und schließlich überall auf dem Globus festgestellt wurde. Damals wusste man auch noch nicht, welche schlimmen Folgen auch niedrige Mengen von Radioaktivität haben können — die Folgen von Windscale haben dazu beigetragen.

Was war geschehen? Einfach die übliche Schlamperei in Planung, Bau und Betrieb, “menschliches Versagen” nennt man es. Windscale, Biblis, Three Mile Island (Harrisburg, USA), Tschernobyl, Krümmel — um nur einige Stationen der Geschichte von Leichtsinn und Inkompetenz zu nennen, die sich durch die ganze Entwicklung der Kernenergie zieht.

Es begann damit, dass auch Großbritannien als Siegermacht des zweiten Weltkriegs seine eigene Atombombe haben wollte, und so baute man auf die Schnelle zwei luftgekühlte, graphitmoderierte Natururanreaktoren, die Plutonium erbrüten sollten. Schon 1952 ergaben sich ungeplante Energieentladungen, die man dann abzuleiten versuchte.

Auch am 7. Oktober 1957 startete man wieder einen solchen Versuch, hatte aber einiges nicht berücksichtigt — und nachdem man mehr oder weniger im Nebel stocherte und noch weiter herum pfuschte, musste man am 10. Oktober feststellen, dass im Reaktorkern das Graphit und dazu noch drei Tonnen Uran in Flammen standen. Zu dieser Zeit hatte sich auch schon Radioaktivität außerhalb des Reaktors gezeigt.

Nach verzweifelten Versuchen gelang es der Reaktormannschaft, den Brand zu löschen. Reaktor 1, in dem dieses passiert war, ging nie mehr in Betrieb, Reaktor 2 wurde kurz darauf stillgelegt, und dann nahmen die Briten Tschernobyl vorweg: Auch sie betonierten die beiden Reaktoren ein, und es ist geplant, in nächster Zukunft damit zu beginnen, die strahlende Hinterlassenschaft dieses Reaktorunfalls zu beseitigen; wie weit das allerdings gelingt, steht in den Sternen, jedenfalls dürfte es auch bei der Hinterlassenschaft von Windscale genügend auf Jahr?(zehn)?tausende strahlende Stoffe geben.

Jedenfalls zog auch bereits damals eine radioaktive Wolke über Europa, es ist noch immer nicht klar, wie viele der Arbeiter und Menschen aus der Umgebung ums Leben kamen — es wird von über Tausend gesprochen — oder erkrankten. Außerdem wurden mehrere Millionen Liter Milch vernichtet, weil in ihr radioaktive Stoffe festgestellt wurden.

Immer wieder hat sich in der Entwicklung der Kernenergie gezeigt, wie recht die Warner hatten, die dabei zur Vorsicht rieten, weil es immer wieder die Möglichkeit gibt, dass zuvor falsch eingeschätzte oder sogar ganz unbekannte Phänomene — gepaart mit menschlicher Leichtfertigkeit — zu schweren Unfällen führen können.

Leider jammert derzeit alles über die schwindenden fossilen Energievorräte, und etliche Staaten begeben sich lieber auf den Irrweg der Atomenergie, die ja auch keine unendlichen Vorräte verspricht. Manche Leute glauben allerdings noch an die illusionäre Kernfusion, deren wirtschaftliche Durchführbarkeit uns immer wieder für die jeweils nächsten Jahrzehnte versprochen wird.

Stattdessen sollten wir darauf setzen, dass bei vernünftiger Nutzung die erneuerbaren Energien noch Jahrmilliarden ausreichen werden — so lange eben die Sonne scheint.

Reinhold Hillenbrand

Dies ist ein Artikel der Karlsruher Zeitschrift umwelt&verkehr 3/07

Stand des Artikels: 2007! Der Inhalt des Artikels könnte nicht mehr aktuell sein, der Autor nicht mehr erreichbar o.ä. Schauen Sie auch in unseren Themen-Index.

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