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Steppe durch oder artenreicher Wald trotz Maikäfer?

Maikäfer flieg ...

Alle Jahre wieder, normalerweise eigentlich alle 4 Jahre, hat der Waldmaikäfer seine Flugjahre. Er schlüpft Ende April, Anfang Mai aus dem Boden, versucht möglichst viele Blätter zu fressen (Reifungsfraß) und viele Eier zu produzieren (bzw. Weibchen zu begatten), die dann an günstigen Stellen im Boden abgelegt werden. Die meiste Zeit verbringt der “Käfer” als Engerling im Boden und ernährt sich von Pflanzenwurzeln.

2007 ist es wieder soweit, 2008 schon wieder und wahrscheinlich 2009 noch einmal! Aufgrund günstiger klimatischer und geologischer Bedingungen haben sich schon vor Jahren aus dem “Hardtwaldmaikäfer” durch verkürzte Larvenstadien verschiedene Stämme entwickelt, die unterschiedliche Flugjahre haben: So gibt es einen Südhessenstamm um Mannheim bis Darmstadt (2006), einen bei Graben-Neudorf aktiven Nordstamm (2008) und einen Südstamm bei Karlsruhe (2007). Jetzt scheint sich im Raum Graben ein weiterer Stamm abgespalten zu haben (2009). So wird es bestimmte Gegenden geben, in denen drei Jahre hintereinander größere Maikäferschwärme zu erwarten sind.

Was bedeutet die Massenvermehrung des Maikäfers für den Wald?

Die meisten Förster sind der Meinung, viele Maikäfer werden den Laubwald vernichten bzw. eine natürliche Verjüngung verhindern und die auch naturschutzfachlich wichtige Eiche, eine Leibspeise der Engerlinge, würde im Hardtwald fast ganz verschwinden. Das Ende sei eine Steppenlandschaft mit Grasflächen und einzelnen Kiefern.

Im Hardtwald um Karlsruhe gibt es anschauliche Beispiele für eine Argumentation gegen diese Ansicht. Seit über 20 Jahren ist eine umfangreiche Maikäferpopulation aktiv, wobei um Karlsruhe durch die Bemühungen vom ehemaligen Förster Wilhelm Knobloch viele Gebiete nicht mit Gift besprüht wurden.

Trotz aller Unkenrufe ist genau dieser Waldbereich heute mit Eichen- und Buchenverjüngung, sowohl als Naturverjüngung, als auch als Pflanzkultur, in einem durchaus naturnahen Zustand.

Neophyten bedrohlicher als Maikäfer

Nach Aussage des Ministeriums für ländlichen Raum (MLR) sind zum aktuellen Zeitpunkt in den 22.000 Hektar Hardtwald zwischen Bühl und Mannheim über 6.000 Hektar mit Spätblühender Traubenkirsche (Prunus serotina) “verseucht”. Ganz im Gegensatz zum Maikäfer soll hier aber auf jegliche Bekämpfung aus Kostengründen verzichtet werden.

Wie ist das vereinbar mit dem Vorhaben einer teuren Maikäferbekämpfung, die deutlich weniger Nutzen für den gesamten Hardtwald bringen wird?

Viele andere Ursachen für die Probleme im Wald

Der Maikäfer ist wieder mal ein psychologisches Problem! Darum kann man hier so tolle öffentlichkeitswirksame Aktionen vorführen: Hubschrauber fliegen tief über den Baumwipfeln... beeindruckend.

Die Problempunkte Luftschadstoffe, Wasserhaushalt oder hoher Wildbesatz geben einfach nichts her. Die Neophyten, denen man kampflos über 25% des Hardtwaldes überlässt, sind zu teuer in der Beseitigung. Also muss der Maikäfer wieder mal herhalten — als Sandsack für angeblich schlagkräftige Forstbehörden.

Sollte die Zukunft des Hardtwaldes tatsächlich am Maikäfer hängen? Verlieren wir Eiche und Buche wegen dieses Insekts, das schon viele tausend Jahre Gegenspieler für den Wald aber auch dynamische Komponente in diesem Ökosystem ist?

Sind seltene Arten, die in Abhängigkeit von alten Eichen leben, wie die Bechsteinfledermaus, der Eichenheldbock, Hirschkäfer oder Mittelspecht, die Opfer des Maikäfers?

Anhand der aktuellen Erfahrungen im Hardtwald nördlich von Karlsruhe kann man das verneinen. Die natürlichen Feinde des Maikäfers können ihn in Grenzen halten und in absehbaren Zeiträumen maßgeblich in der Ausbreitung einschränken.

Ist ein kleiner Pilz jetzt doch der Helfer in der Not?

Beauveria, ein Pilz, der die Engerlinge befällt, die weitere Entwicklung hemmt und so den Käfer am Ausflug hindert, ist der natürliche Gegenspieler des Maikäfers. Seine Ausbreitung hängt von der Dichte der Engerlinge ab — denn die Sporen des Pilzes müssen weitergegeben werden — und auch von der Bodenfeuchte — Pilze wachsen in frischen Bereichen besser.

Maikäferpopulationen bauen sich langsam auf. Manchmal dauert es über 20 Jahre, bis sie eine beängstigende Bestandgröße erreichen, dann brechen sie langsam wieder zusammen. Eine hohe Dichte begünstigt die Ausbreitung von Krankheitserregern im Bestand, bzw. die Verbreitung von Beauveria.

Sieht man heute Gebiete im Hardtwald an, die vor 20 Jahren künstlich mit diesem Pilz behandelt wurden, erkennt man deutlich die Unterschiede zu unbehandelten Bereichen. Ständig begiftete Zonen sind in einem deutlich schlechteren Zustand und müssen vor allem fast alle vier Jahre wieder mit Gift behandelt werden.

Die Forstbehörden weigern sich seit Jahren, diese Erfolge in der naturnahen Bekämpfung des Maikäfers anzuerkennen und lehnen bisher jede Nachfolgeuntersuchung zur Entwicklung des Pilzes in den ehemals behandelten Gebieten ab.

Angepasster Waldbau hilft gegen Maikäfer

Auch die Bewirtschaftungsweise des Forstes kann erheblich zu einer Maikäferreduzierung beitragen. Offene Flächen ohne Schatten und umgepflügte Zonen werden von Maikäferdamen besonders gerne zur Eiablage aufgesucht. Einzelentnahme von Bäumen ist zum Beispiel der flächenweisen Fällung vorzuziehen.

Sicher ist es schwieriger, mit dem Maikäfer im Wald klar zu kommen als ohne ihn, aber es ist durchaus mit vertretbarem Aufwand möglich, auch ohne Gifteinsatz. Auch im Biotop- und Artenschutz kann der Maikäfer ein rotes Tuch sein, jedoch gibt es dafür keinen Grund. Die verschiedenen Stadien eines Waldes sind notwendige Teile eines funktionierenden Gleichgewichts mit vielen unterschiedlichen Lebensräumen in den jeweiligen Entwicklungszuständen, vom unbewachsenem Rohboden, über Naturverjüngung, Hochwald bis zum Zerfallsstadium.

Gifteinsatz (z.B. mit DDT) in solchen Naturflächen haben die letzten 60 Jahre nichts gebracht, sonst müsste der Maikäfer ganz oder fast ausgestorben sein. Die Risiken und Belastungen für den Wald und seine in ihm lebenden Arten bleiben immer höher als der Nutzen einer Begiftung.

Maikäfer flieg ...

Gastbeitrag von Carsten Weber
NABU, Ortsgruppe Karlsruhe,
BUND, Ortsverband Karlsruhe,
LNV, Arbeitskreis Karlsruhe

Dies ist ein Artikel der Karlsruher Zeitschrift umwelt&verkehr 1/07

Stand des Artikels: 2007! Der Inhalt des Artikels könnte nicht mehr aktuell sein, der Autor nicht mehr erreichbar o.ä. Schauen Sie auch in unseren Themen-Index.

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