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  BUZO   
Demozug zum AKW; Foto: Hans Seiler

Umzingelung einer modernen Festung

Bericht von der Anti-AKW-Demo in Biblis am 24.4.2010

Die Anfahrt fand selbstverständlich umweltfreundlich mit der Bahn statt. Es gab zwar einen Sonderzug ab Basel, aber wir fuhren mit dem Schönes-Wochenende-Ticket als Kleingruppe flexibler. Nach dem Umsteigen in Mannheim bemerkten wir, dass auf der zweiten Fahrstrecke nach Biblis die Zahl der Fahrgäste stark zunahm. Sie hatten auch teilweise ein ganz anderes Outfit als üblicherweise an einem Samstag:

Viele trugen Anti-Atom-Shirts oder hatten Stangen mit gerollten Tüchern dabei. Am Ziel war auf dem Bahnsteig alles dicht. Übermütige Demonstranten mussten vor einem durchbrausenden ICE, der uns einen kräftigen Fahrtwind bescherte, in letzter Sekunde von der Bahnsteigkante weggerissen werden. Nach dieser Gefahr waren wir „vorsensibilisiert“ und es konnte losgehen. Am zentralen Infostand nahm ich noch ein kleines Merkblatt mit: „Wie verhalte ich mich, wenn ich verhaftet werde?“. Wir marschierten von der Ortsmitte auf der genau vorgeschriebenen Route los. Auf der Strecke dünnte sich die Menge ganz schön aus und ich dachte, wenn wir das AKW-Gelände, das nach Kartenschätzung über 3 km „Zaun“ besitzt (die Anführungszeichen von Zaun erklären sich später!), umzingeln wollen, müssen wir unsere Arme auf 10 m verlängern. Der Weg zog und zog sich hin. Wir liefen fast immer nur auf Feldwegen. Auf der Hälfte der Strecke von fast 6 km kreuzten wir die Kraftwerkstraße, auf der immer mehr Busse hielten. (Später hörte ich etwas von über 50, was durchaus stimmen konnte, denn auf dem Rückweg war die riesige Schlange gut zu sehen).

Wir wurden immer mehr — Junge und Alte, Familien mit Fahrrädern und Kinder-Anhängern. Ein Musiker mit Gitarre und tollen Anti-AKW-Liedern, die ich auf Großdemos der 80er noch nicht gehört hatte, sorgte für gute Stimmung. Polizei war im Gegensatz zu früher auf der ganzen Strecke kaum zu sehen. Nur an einigen Hochspannungsmasten standen einige Sicherungsposten.

Der doch beeindruckende Kraftwerkskomplex mit den beiden Kuppeln und den vier riesigen Kühltürmen, aus dem Hochspannungsleitungen herausführen, wuchs vor uns wie eine Kathedrale der Energiemächtigen oder doch besser wie ein weißer Dinosaurier mit Buckeln, Hörnern und Stacheln empor.

Wir kamen inzwischen vor lauter bunten Menschen mit Fahnen aller Couleur nur noch langsam voran und erreichten gegen 13:30 Uhr die Südostecke des Geländes.

BUZO in Biblis; Foto: Thomas Sauer

Hier konnte ich einen ersten Blick auf den Zaun werfen — nein ein Zaun war das nicht, sondern ein breiter Wassergraben, hinter dem sich ein mehr als 2 m hoher Betonzaun emporreckte. Auch hier war lediglich innerhalb des Geländes Polizei zu sehen. Die Betreiber konnten sich bei dieser Befestigung ihrer Sache sehr sicher sein. Die ganze Anlage rief die Erinnerung an Robert Jungks „Atomstaat“ wach... Nur der riesige grüne Plastikwürfel beim Tor mit der Aufschrift „Deutsche Kernkraftwerke sparen Jahr für Jahr 130.000.000 Tonnen CO2 ein — unser Beitrag zum Klimaschutz“ passte nicht in dieses Bild. Aber „green-washing“ gehört eben zur Image-Pflege!

Wir „strömten“ zum großen Versammlungsplatz südlich des Kraftwerks, um etwas von den angekündigten Vorträgen mitzubekommen. Inzwischen war es doch ganz schön warm geworden. Vom Infostand bis zu Essen und Trinken wurde für alles hervorragend gesorgt, allerdings waren die Schlangen teilweise sehr lang.

Sehr gut und informativ waren die Redebeiträge von Ursula Sladek von der EWS Schönau, Michael Wilk vom AKU Wiesbaden und weitere Vorträge. Hier hörte ich erstmals davon, dass wir weit über 10.000 waren. In den Abendnachrichten wurde sogar von 15.000 Demonstranten berichtet.

Nach 15 Uhr begann etwas verspätet die eigentliche Umzingelung. Wir liefen zurück, um auf der Ostseite in Richtung Rhein den Kreis zu schließen. Einer der Infoposten in weißer, „Strahlenschutzkleidung“ rief uns unterwegs zu, dass die Umzingelung schon längst vollendet sei und wir eine zweite Reihe aufmachen könnten. Es setzte ein riesiger Applaus ein, der sich langsam in Richtung Rhein von uns weg bewegte. Ich erwartete eigentlich, dass wir uns alle die Hände gaben, aber die Leute standen nur locker rum. Das ist wohl moderne Demokultur. Aber der alte Anti-Atom-Kanon: „Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen das Atomkraftwerk im Land! Schließt euch fest zusammen ...“ wurde von jungen Leuten gesungen.

Als wir mitten auf einem feuchten Feldweg und Acker waren, kam über Megaphon das Kommando zum „Massensterben“ in Form einer Sirene. Die Leute legten sich eher picknickmäßig auf den Boden und waren teilweise alles andere als bewegungslos. In einer Nachrichtensendung des HR am Abend hieß es: „Jetzt sei doch mal ruhig, Du bist doch tot!“ Nach ca. 5 Min. kam die „Entwarnung“ und wir beschlossen, noch zum Rhein vorzulaufen. Unterwegs mussten wir einen Rheindamm im Schatten der riesigen Ostkühltürme überwinden. Auf den Sockeln und allen Gebäuden konnten wir die Staatsmacht mit Ferngläsern und riesigen Teleobjektiven sehen. Auch auf dem Rhein war für Sicherheit gesorgt. Ein Boot der Wasserschutzpolizei bewachte den riesigen Kühlwasserauslauf des Kraftwerks, aus dem sich über vier breite Wehre riesige dampfende Wassermengen in den Rhein ergossen. Dieser Auslauf war die einzige „Bewegung“, die der Dinosaurier zeigte. Die Kühltürme waren wohl ausgeschaltet, um Provokationen zu vermeiden, daher lief die Hauptkühlung über den Rhein. Am Ufer standen einige einsame Demonstranten, die gegen den „Wasserfall“ anbrüllten: Abschalten! Abschalten!

Versammlung auf dem Parkplatz; Foto: Thomas Sauer

Gegen 17 Uhr war der offizielle Teil der Veranstaltung verspätet zu Ende, und wir mussten noch den Rückweg antreten. Der fiel uns bei Windstille und inzwischen sehr starker Sonneneinstrahlung alles andere als leicht. Wir nahmen daher auch den Zug eine Stunde später und konnten so noch die Abfahrt des Sonderzuges miterleben, der unter großem Jubel den Bahnhof in Richtung Süden verließ.

Zusammen mit den beiden anderen Demos (die 120-km-Menschenkette im Norden und die Demo um Ahaus) waren wir am 24. März fast 150.000 Menschen, eine kritische Masse in Sachen Pro-Energiewende, und das mit mehrheitlich jüngeren Leuten.

Hoffentlich trug dieser Tag auch zu einer Wende in den Köpfen der Atompolitiker bei.

Hans Seiler

Dies ist ein Artikel der Karlsruher Zeitschrift umwelt&verkehr 2/10

Stand des Artikels: 2010! Der Inhalt des Artikels könnte nicht mehr aktuell sein, der Autor nicht mehr erreichbar o.ä. Schauen Sie auch in unseren Themen-Index.

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