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  VCD   

Wie sicher sind Fußgänger in Karlsruhe?

Fußgängerzone? Parkplatz? Wenn man das hier so genau wüsste ... Fotos: Heiko Jacobs
Fußgänger-Oasen mit Blumen- und Kaffee-Service dürfte es ruhig noch mehr geben!
Aus der Gemeinderatsanfrage der Grünen vom 23.2.2010 zum Radweg Reinhold-Frank-Straße:

„4. Wenn die Autos abschnittsweise bis etwa 20  cm in den Radweg hinein abgestellt sind, wie weit ragt dann ein Fahrrad in den Gehweg hinein?
Wenn ein Auto 0,20  m in den 1,30  m breiten westlichen Radweg abgestellt wird, ragt der Radfahrer, unter Berücksichtigung von 0,75  m Sicherheitsbereich zum parkenden Kfz und 1,00  m Verkehrsraum des Radfahrers, 0,65  m in den Gehweg hinein.“

Auf Deutsch: Für korrekte Sicherheitsabstände zu Autos muss man auf dem Gehweg radeln. Ja dann kann man's auch gleich zusammenlegen ...?! So ist es dort seit 2012, wobei man dies in Höhe Sophienstraße nach zwei Unfällen prompt wieder zurück änderte ...

Der VCD Städtecheck 2014 hatte vorrangig die Sicherheit von Fußgängern zum Thema. 81 Großstädte wurden bundesweit unter die Lupe genommen. Karlsruhe kam dabei nicht besonders gut weg. Zwar liegt Karlsruhe mit einem Anteil der Fußgänger von 9,3 % an den Gesamtverletzten und Getöteten im Verkehr unter dem Bundesdurchschnitt. Bei den beiden zentralen Aussagen des Städtechecks bekam die Fächerstadt allerdings eine rote Ampel: Zum einem hat sie überdurchschnittlich viele Verunglückte je 1000 Personen Werktagsbevölkerung zu beklagen. Zum anderen nahm die Zahl der verunglückten Fußgänger in dem untersuchten Fünfjahreszeitraum von 2009 bis 2013 tendenziell zu. In der Tendenzberechnung wies Karlsruhe sogar den vierthöchsten Anstieg bundesweit aus, was auch überregionale Medien auf den Plan rief.

Von Presse und Lesern wurden prompt die Thesen zu den vermeintlichen Unfallursachen aufgeworfen, die zu erwarten waren. Die vielen Baustellen etwa. Radrowdys und Gehwegfahrer. Und nicht zuletzt die Frage, ob die Fußgänger nicht durch ihr eigenes Fehlverhalten in erster Linie selbst schuld sind an den Unfällen.

Letzteres scheint die polizeiliche Unfallstatistik auf den ersten Blick zu bestätigen. Nach der Unfallstatistik wurde von Seiten der Polizei 2012 und 2013 in Karlsruhe ungefähr in zwei Dritteln der Fälle (auch) ein Fehlverhalten bei Fußgängern als Unfallursache polizeilich festgestellt. Auf den zweiten Blick wird man bei dieser Statistik skeptisch. Eigenartigerweise findet sich die Aussage, dass Unfälle mit Fußgängern in erster Linie auf deren Fehlverhalten zurückzuführen sind, außer in Karlsruhe nirgendwo sonst in Baden-Württemberg. Bei allen anderen Stadt- und Landkreisen hat die Polizei ein Überwiegen des Fehlverhaltens anderer Verkehrsteilnehmer oder zumindest eine ausgeglichene Statistik festgestellt. Grund genug, einmal zu hinterfragen, wieso die Zahlen in Karlsruhe so signifikant anders sein sollen. Die Antwort müssen wir an dieser Stelle schuldig bleiben. Eine durchaus denkbare Erklärung könnte allerdings darin liegen, dass die polizeiliche Tätigkeit in Karlsruhe zu sehr aus dem Blickwinkel der Windschutzscheibe geprägt ist. Da kann es nur hilfreich sein, wenn der neue Polizeipräsident demnächst mehr Fußstreifen losschicken will.

Solche Verursacherstatistiken sind ohnehin zweischneidig. Sie treffen keine Aussage darüber, wie eine sinnvolle Verkehrsplanung aussieht. Ein Beispiel sind Ampelschaltungen, bei denen die Stadt Fußgänger an Ampeln unnötig lange warten lässt. Es gibt etwa immer noch Kreuzungen, bei denen sie nicht automatisch mit dem parallel fahrenden Autoverkehr Grün bekommen, sondern ihr eigenes Grün per Druckampel anfordern müssen. Und selbst dann ist keineswegs gewährleistet, dass sie bei der nächst möglichen Grünphase auch wirklich berücksichtigt werden. Dass solche erkennbar schlechten Ampelschaltungen für Missmut sorgen und die Bereitschaft erhöhen, bei Rot über die Kreuzung zu gehen, liegt auf der Hand. In Fachkreisen munkelt man, dass die in Karlsruhe verwendete Software ziemlich veraltet ist.

Also vielleicht doch eher (Gehweg-)Radler oder die vielen Baustellen, insbesondere die der Kombilösung? Für beides lässt sich bislang kein Beleg finden. Gegen eine nennenswerte Beteiligung der Radfahrer sprechen sogar ausdrücklich die Daten, die das statistische Landesamt zuletzt für das Jahr 2011 veröffentlicht hat. 2011 wurden bezogen auf das gesamte Bundesland Baden-Württemberg gerade einmal 179 Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern erfasst. Es ist daher davon ausgehen, dass auch in Karlsruhe Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern in der Unfallstatistik eher nachrangig sind. Dennoch ist es aus Sicht des VCD sinnvoll, Rad- und Gehwege möglichst zu entflechten. Kombinierte Rad- und Fußwege sind für beide Gruppen — Radfahrer wie Fußgänger — vielfach nachteilig. Häufig handelt es sich dabei um nichts anderes als die Freigabe des Gehwegs für Radfahrer, womit Konflikte vorprogrammiert sind. Besonders zweifelhaft sind solche kombinierten Geh- und Radwege, wenn — wie an der die Reinhold-Frank-Straße geschehen — die Zusammenfassung von Radweg und Gehweg nur dazu dient, die seit Jahren bekannte Problematik, dass illegal parkende Pkw die Benutzung des Radwegs meist unmöglich gemacht haben, zu Lasten von Rad- und Fußgänger zu „lösen“.

Ein weiteres Beispiel für solch eine problematische Kombination von Rad- und Gehweg ist die Straße „Am Wald“. Auf der Südseite dieser Straße befindet sich ein kombinierter Rad- und Gehweg, der für Radfahrer sogar in beide (!) Richtungen benutzungspflichtig ist, obwohl der Weg für einen kombinierten Rad- und Gehweg viel zu schmal ist und teilweise unmittelbar an Hauseingängen vorbei führt.

Als ökologischer Verkehrsverband würde der VCD sich sicher eine stärkere Berücksichtigung seiner Anregungen zur Stärkung des Umweltverbunds von Fußgängern, Radfahrern und Öffentlichem Verkehr wünschen. Dennoch haben wir nicht das Gefühl, dass die Stadt Karlsruhe in Sachen Fußverkehr generell als ein Negativbeispiel taugt, wo Unfallschwerpunkte vernachlässigt werden. Und wir freuen uns, dass zumindest in der jüngeren Vergangenheit ein vorsichtiger Trend in der Stadt besteht, Fußgänger besser als Verkehrsteilnehmer wahrzunehmen.

Reiner Neises

Dies ist ein Artikel der Karlsruher Zeitschrift umwelt&verkehr 3/14

Stand des Artikels: 2014! Der Inhalt des Artikels könnte nicht mehr aktuell sein, der Autor nicht mehr erreichbar o.ä. Schauen Sie auch in unseren Themen-Index.

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